Fünf Tage nach der Abreise hatten wir die Polnische Grenze erreicht, eine Passkontrolle fand nicht statt. So richtiges Camper Wetter hatten wir noch nicht. Die Seen in Polen lagen unter einer dicken Eisschicht, und das nasskalte Wetter liess die Landschaft eher trist aussehen. Die Bauernhäuser sind ärmliche, die Leute machen vieles von Hand oder mit Pferden bzw. alten Traktoren. Auf den Strassen hatte es jede Menge Schlaglöcher und Wellen, so dass wir etwas langsamer vorwärts kamen, als zuvor auf den deutschen Autobahnen. Es gab viel Wald und in der Nähe eines Übernachtungsplatzes weideten sogar Hirsche auf einer Lichtung zwischen den Kiefern. In den Städten gibt es viele Wohnblöcke, die nach russischem Muster gebaut sind, nun aber bunt gestrichen wurden. Nach 450 km durch Polen passierten wir in den folgenden zwei Tagen die Grenzen nach Litauen und Lettland genauso problemlos. Durch die Rüttelei auf den Schlaglöcherstrassen hatte sich die Halterung der Schiebetür gelöst, war aber gut zu reparieren.

Am 8. April erreichten wir die russische Grenze. 8 km lang stauten sich die LKWs. Zum Glück hatten wir einen PKW und konnten alle überholen. Die Grenzer in ihren russischen Uniformen liessen unwillkürlich Gedanken an Filme a la James Bond aufkommen und die Spannung war gross, wie sie uns abfertigen würden. Schnell war klar, dass sie nur Russisch konnten. Das bisschen Englisch des Beamten führte nur zu mehr Missverständnissen. Dummerweise war mein Russisch auch nicht das Beste und der Grenzoffizier brauchte eine Weile, um zu realisieren, dass er sich mit mehr Lautstärke auch nicht besser verständlich machen konnte. Sie waren nicht darauf eingestellt, dass jemand kommt und nicht Russisch kann. Nur gut hatten wir auf der lettischen Seite schon eine Autoversicherung für ein halbes Jahr abgeschlossen, dort werden sie wegen begriffsstutzigen Ausländern weniger nervös und wir hatten bei den Russen ein Formular weniger auszufüllen. Für Royan interessierte sich niemand, es kam auch kein Veterinär der ihn sehen wollte und ein Zeugnis ausgestellt hätte (so hatten wir die Vorinformation gehabt). Abends um sechs waren alle Formalitäten endlich erledigt (das Procedere hatte etwa 3 Stunden gedauert, verhältnismässig zügig wie wir später noch erfahren sollten). Nach 2500 km waren wir in Russland, bis hier hatten wir es schon mal geschafft. Mein schlechtes Russisch hatte nicht gereicht, damit ich verstanden hätte, warum uns der Grenzbeamte partout nicht mehr als einen Monat Aufenthalt fürs Auto geben wollte, was natürlich nie reichen würde um an den Baikalsee zu fahren. Später sollte sich herausstellen, dass die Visaagentur nicht dafür gesorgt hatte, dass das Auto im Visum eingetragen wurde, obwohl wir das so besprochen hatten.

Nun mussten wir innerhalb von drei Tagen unsere Visas registrieren lassen, und versuchen in der nächsten Zeit eine Zollbehörde zu finden, die uns eine Einfuhrbewilligung fürs Auto für die Dauer unseres Visas ausstellen würde. Ich wollte gar nicht daran denken, was wir anfangen, wenn das nicht klappen sollte. Ganz zu schweigen wie viele Amtsstuben wir abklappern müssen, um die nötigen Papiere zu bekommen.

Zunächst mussten wir lernen, uns auf den russischen Strassen zurechtzufinden, denn von nun an war alles auf kyrillisch angeschrieben. Zum Glück hatte die Mutter meiner Russischlehrerin bei ihrem letzten Besuch in der Schweiz eine russische Strassenkarte für uns mitgebracht. Sie war zwar nicht besonders genau, aber besser als die, die wir in der Schweiz bekommen konnten. Unsere erste Nacht verbrachten wir auf einem TIR-Parkplatz. Zu viele Leute hatten uns zuvor gewarnt einfach irgendwo zu campen, so wollten wir am Anfang nicht gleich schlechte Erfahrungen machen.

Der Winter hatte die Landschaft immer noch fest im Griff. Alles war am Morgen gefroren, und teilweise lag noch Schnee, vor allem im Wald. Tagsüber war Tauwetter und die Lastwagenparkplätze sahen katastrophal aus. Ein schwarzer Morast aus Erde vermischt mit Oel und Diesel, nur wenige waren asphaltiert. Nicht gerade der ideale Campingplatz (vor allem nicht mit Hund!) Aber wenigstens mussten wir nachts nicht auf jedes verdächtige Geräusch achten. Sowieso hatten wir die sogenannten bösen Russen bisher nicht angetroffen. Die Leute waren sehr hilfsbereit und freundlich. Am 10. April kämpfte sich Walter durch den chaotischen Petersburger Verkehr. Selbst als Beifahrer steigt da das Adrenalin im Blut. Zum Glück ist nichts passiert, nur ein Polizist hat 5 Franken Strafe von uns kassiert. Wir sind links abgebogen, wo es verboten war (wenn man sieht wie gefahren wird, ist das fast ein lächerliches Vergehen, aber die Polizisten verdienen sehr schlecht). Einen Tag lang wurden wir auf der Suche nach einem OVIR – Büro das unsere Visas registriert, von einem Büro zum anderen geschickt. Einige Male musste ich an die Stelle im Reiseführer denken, an der der Autor lakonisch meinte: “wenn sie deutsche Amtsstuben nicht mögen, dann werden sie russische verfluchen!“ Genau so weit war ich nun. Beim fünften traf ich per Zufall einen sehr freundlichen jungen Russen der Englisch konnte. Er erklärte mir so einiges und riet ab, hier nochmals anzustehen. Die Bürokratie sei chaotisch und höchstwahrscheinlich sei auf legalem Weg nicht zu dem erforderlichen Stempel zu kommen. Halb frustriert und halb erleichtert rannte ich anschliessend die ausgetretenen Stufen des völlig verdreckten Treppenhauses wieder hinunter. Dieses 5. OVIR – Büro hätte ohne Probleme wirklich in einen der Spionagefilme über die Bösen Russen gepasst. An den Wänden hingen überall eingerahmte Formulare als Muster. Viele Leute versuchten mehr oder weniger ratlos, in dem völlig überfüllten miefigen Raum ihre Anträge entsprechend auszufüllen. Eine Menschenmenge drängte sich lautstark gestikulierend vor einem Schalter, der aussah wie die aus amerikanischen Western. Der Beamte hatte auch die typischen schwarzen Ärmelschützer an. Alles wirkte im schummrigen Licht eines verstaubten Kronleuchters so surrealistisch, dass es schon wieder spannend war, hätte ich nicht schon eine Odyssee durch ähnlich Etablissements hinter mir gehabt. Im letzten zum Beispiel sassen zwei mit Orden dekorierte Matronen in Uniform und eisigem Blick wie Habichte zu zweit hinter einem Schreibpult. Nachdem ich mein Sprüchlein vermutlich mehr schlecht als recht aufgesagt hatte, war ich gespannt, ob sie sich wohl zu einer Antwort herablassen würden. Eisiges Schweigen, ich war drauf und dran ihnen auf Deutsch gehörig die Meinung zu sagen, als eine dann doch noch zu einer Auskunft bereit war. Natürlich mit einer Miene, als ob es schon ein Verbrechen wäre, sich mit so einem Anliegen vor ihre Augen zu trauen. Langsam bekam ich den Eindruck, dass hier keiner wusste was die anderen machen, und wer genau für was zuständig ist. Vielleicht wechselt das auch im allgemeinen Umbruch ständig. Später erfuhren wir von Einheimischen, dass sie die gleichen Probleme mit Behörden haben, und ihnen auch graust, wenn sie auf ein öffentliches Amt müssen. Wenigstens wussten wir nun nach diesem Insider Tipp, dass wir die erforderlichen Stempel am ehesten von einem grossen Hotel bekommen. In unserem neuerworbenen Lonely Planet Reiseführer war die Adresse von einem Touristeninformationsbüro angegeben, eine Seltenheit in Russland. Dorthin gingen wir und schilderten unser Problem. Und siehe da, sie wussten sogar Rat. Wir bekamen die Adresse eines Reisebüros, mussten dort umgerechnet etwa 160 SFr. zahlen und am nächsten Tag hatten wir die Registration für 90 Tage bei einem grossen Petersburger Hotel. Nach dem vorangegangenen Tag war das wie eine Erlösung, als wäre man den Fängen der Justiz entkommen, obwohl wir ja gar nichts angestellt hatten.

Die Nacht hatten wir ausserhalb von Petersburg, auf dem wohl einzigen Campingplatz Russlands verbracht (jedenfalls sahen wir danach nie mehr einen), er lag direkt an der Ostsee. Das Meer war noch zugefroren, Eisfischer angelten weit draussen nach Fischen in Eislöchern.

Geld wechseln konnten wir für 28 Rubel pro Dollar. In einem grossen Buchgeschäft fanden wir auch einen genaueren russischen Strassenatlas. Da es nach wie vor kalt war und der Verkehr und die Behörden unsere Nerven etwas strapaziert hatten, verliessen wir Petersburg bald, obwohl es noch einiges zum Anschauen gegeben hätte. Danach ging die Fahrt weiter Richtung Novgorod, wo wir versuchen wollten die Papiere fürs Auto zu bekommen. Nach den Erfahrungen in Petersburg, war der Verkehr in der eher kleinen Stadt viel angenehmer, keine aggressiven Drängler und alles etwas gemütlicher. Noch eine sehr positive Überraschung waren die sehr hilfsbereiten Angestellten des neu eröffneten Touristenbüros. Die junge Dame konnte ganz gut Englisch und bald wussten wir, dass wir hier eine Nacht im Hotel verbringen sollten und dann am anderen Tag zum Zoll können, wo sie uns die Verlängerung machen würden. Wir konnten kaum glauben, dass es so einfach gehen würde. Am nächsten Tag mussten wir zwar eine Stunde suchen, bis wir den Tamoschna (so heisst die Zollbehörde hier) fanden, danach hatten wir jedoch nach einer weiteren Stunde tatsächlich die Auto Einfuhrbewilligung für 3 Monate. Die Beamten waren im Vergleich zu ihren Petersburger Kollegen sehr hilfsbereit und gut organisiert. So waren wir mit der russischen Bürokratie wieder ein bisschen versöhnt.

Nun nach dem wir den Bürokrieg gewonnen hatten, konnte die Reise richtig losgehen. Erleichtert und auch ein bisschen stolz, fuhren wir Richtung Moskau. Es lag mehr Schnee und die Temperaturen schwankten um den Gefrierpunkt. Die Strasse führte durch eine von Seen und kleinen Dörfern unterbrochene Waldlandschaft. Am Strassenrand dampften Samoware (metallene, runde Wasserkessel mit einem Behälter zum Feuermachen darunter und in der Mitte ein Ofenrohr), wo die Leute sich mit dem Verkauf von Tee und kleinen Imbissen etwas dazuverdienten. Nur die Durchgangsstrasse war asphaltiert und die restlichen Dorfstrassen sehr matschig. Trotzdem sahen wir viele Russinnen mit Stöckelschuhen durch den Morast balancieren. Die Frauen achten hier viel mehr auf die Mode, als auf etwas Zweckmässiges. Dagegen sehen die älteren Babuschkas (so heissen die Grossmütter auf Russisch) manchmal sehr arm und abgerissen aus. Die Holzblockhäuser in denen sie meistens wohnen, scheinen noch viel älter als sie zu sein. Immer gehört ein kleiner Garten und ein paar Hühner dazu, oft auch ein Hund. Den grossen Holzstapeln nach werden die Winter recht kalt. Manche Häuser haben ein schlechtes Fundament und hängen schon sehr schräg. Wie die alten Bauernhäuser bei uns, haben sie Vorfenster. Dahinter stehen Blumentöpfe mit Tomatensetzlingen oder Geranien. Die Fensterrahmen sind aufwändig verziert und in hellblau, grün oder weiss gestrichen, genau wie die Gartenzäune. Die Dächer bestehen meistens aus Blechbahnen. Immer wieder sahen wir verkohlte Überreste abgerannter Häuser. Vielleicht ist es normal, dass es bei so vielen Holzhäusern und Holzöfen ab und zu brennt.

Als wir am 14. April Moskau erreichten regnete es und die langen Autokolonnen waren im Wassernebel nur ein Stück weit zu sehen. Mir war das Schlange stehen lieber, als das halsbrecherische Tempo und die abenteuerlichen Überholmanöver, die es sonst gegeben hätte. Wenn Russen zusammen mit vielen anderen das gleiche Ziel haben, wird rücksichtslos gedrängelt, nach dem Motto der Stärkere siegt, egal ob sie hinter dem Steuer sitzen oder irgendwo anstehen müssen. Trotz allem ging es besser als in Petersburg. Möglicherweise hatten wir auch schon dazugelernt. In der Innenstadt suchten wir Ivan, der dort bei einer Motorradzeitschrift arbeitet und dem wir ein Buch von Bruno Blum aus Wolhusen bringen sollten. Obwohl er an dem Tag frei hatte, kam er eine halbe Stunde später in die Redaktion um uns zu begrüssen. Es reichte, dass wir Bruno kannten und er empfing uns wie alte Freunde. Es ging nicht lange und sein Chef hatte uns erlaubt, auf dem bewachten Parkplatz der Redaktion übers Wochenende zu campieren. Ivan lud uns zu sich nach Hause ein, und versprach uns am nächsten Tag Moskau zu zeigen. Vom Parkplatz aus war es nicht weit bis zum Kreml, den wir auch noch am gleichen Abend anschauen gingen. Die Basiliuskirche war auch bei Nacht interessant, genauso wie der Rote Platz mit den beleuchteten Gebäuden und dem Leninmausoleum. Um mit Royan spazieren zu gehen hatte ich sogar einen Park in der Nähe gefunden. Mit dem Hund an der Leine hielten mich alle für eine Einheimische und staunten jedes Mal sehr, wenn wir ins Gespräch kamen und sie erfuhren, dass wir auf einer Russlandreise sind und aus der Schweiz kommen. Angesprochen wurden wir oft wegen des Hundes, an dem viele einen Narren gefressen hatten. Alle glaubten es sei ein Laika die hier anscheinend hoch im Kurs stehen. Komischerweise hatten wir bisher nie einen zu sehen bekommen, aber alle redeten immer davon. Entweder gibt es Schosshunde oder Wachhunde vom Kaliber der Rottweiler, und spazieren geht in der Stadt selten jemand mit einem Hund. Auf dem Land sind sie meistens angebunden, oder in den Gärten und Höfen eingesperrt. Ins Staunen geraten sind wir, als zwei Damen je eine Bulldogge und ein Königspudel in einem Pyjama (die Hunde nicht die Damen) spazieren führten. Selbst ein Samojedenspitz lief in diesem Dress durch einen Park. Vermutlich sollen die teuren Lieblinge auf den dreckigen Strassen nicht schmutzig werden. Andererseits betteln arme Leute um Nahrung und haben nichts Richtiges anzuziehen. Vor allem in Moskau sind die Gegensätze besonders krass. So extrem wie in dieser 9 Millionen Metropole konnten wir den Unterschied zwischen Reich und Arm nirgends mehr beobachten. Man bekommt den Eindruck, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus fällt das Land nun eher wieder zurück in die Zarenzeit. Nur dass die ehemaligen Feudalherren heute neureiche Kapitalisten sind, die einen eher eingebildeten als gebildeten Eindruck machen. In Moskau gibt es mehr teure Autos und andere Exklusivitäten, als in jeder anderen Grossstadt die wir bisher gesehen haben. Es hat hypermodern gestylte Nobelgeschäfte und auf der anderen Seite braucht man eine Stunde um einen Brief auf der Hauptpost abzuschicken, weil das Verfahren kompliziert und der Andrang an Postkunden so gross ist. Vor unserer Abreise gingen wir zur iranischen Botschaft, um dort eventuell ein Visum zu beantragen. Der Beamte erklärte Walter, (mit mir redete er gar nicht) dass es 2 Wochen dauern würde. So lange wollten wir nicht warten und verschoben die ganze Angelegenheit, um die Visas dann in Kasachstan zu besorgen. Ivan versorgte uns mit mehreren Adressen von Freunden von ihm. Auf der ganzen Strecke bis zum Baikalsee hatten wir nun Ansprechpartner, an die wir uns wenden sollten, falls wir etwas brauchen. Es ist wirklich so wie uns Bruno erzählte. Wenn man einen Russen kennen gelernt hat, kennt der wiederum viele andere, so dass es immer einen Freund gibt, der einen Freund hat usw. Wer weiss für was wir die Hilfe vielleicht noch nötig haben würden. Das war unsere erste Erfahrung mit der überwältigenden Russischen Gastfreundschaft. Vor der Weiterfahrt besuchten wir noch Walters Cousine Zita, die seit Jahren in Moskau lebt, sie arbeitet dort für eine Schweizer Zeitung. Am 18. April waren wir dann froh aus der Stadt rauszukommen, mit Hund und Camper ist diese Umgebung nichts für längere Aufenthalte.

Die nächste Station war Suzdal eine der Städte des sogenannten goldenen Ringes. Diese werden oft von organisierten Reisegruppen besucht, weil sie aus der Zarenzeit noch viele historische Gebäude haben, besonders die bekannten Kirchen mit den Zwiebeltürmen, die so reich verziert sind, aber auch Festungen und andere Paläste. Ab und zu sahen wir moderne Paläste, wo reiche Leute sich protzige Villen gebaut haben, die mit Wachpersonal, grossen Hunden und Gittern von der Aussenwelt abgeschottet werden. Daneben gibt es die Plattenbauten aus der Sowjetzeit, riesige Wohnsilos, die mittlerweile längst eine Renovation nötig hätten, aber niemand kann sie bezahlen. An den Stadträndern findet man da und dort einen Supermarkt, ähnlich wie in Europa. Da die Waren dort aber für normale Leute unerschwinglich sind, kauft der Grossteil immer noch in sogenannten Magazinen ein. Eine Art Tante Emma Laden, wo es das wichtigste zum Leben gibt. Von Brot über Konserven bis zu Nähsachen oder Wodka. Mit der Zeit haben wir auch gelernt sie zu finden. Es hat keine Schaufenster oder Werbetafeln, meist sind sie in Wohnhäusern im Erdgeschoss, wo ein kleines Schild mit der Aufschrift „Magazin“ hängt. Dort kann man sehr gutes Brot kaufen, es ist sogar für Einheimische billig. Andere Waren wie Schuhe oder Kleider und Geschirr verkauft das „Univermag“, das aussieht wie eine Mischung aus Warenlager und einem Geschäft das gerade Ausverkauf macht, so unordentlich und wenig sprechend liegen die Sachen in den Regalen. Diese Kaufhäuser wirken wie ein Relikt sowjetischer Planwirtschaft. Daneben gibt es am Strassenrand auch viele kleine Buden, vom Matratzenverkäufer bis zum Schaschlik Stand oder der „Schinemontage“ das ist der Reifenflicker. Den brauchten wir ein paar Tage nach Moskau, als wir den ersten Platten eingefangen hatten. Selber pumpen mussten wir auch gleich, weil das Ersatzrad zu wenig Luft hatte. Ein Metallstück hatte den Pneu aufgeschlitzt, der Schlauch war nicht mehr zu reparieren. Der Zustand der Strassen reicht von sehr gut bis löcherig. Bei letzterem muss man Slalom fahren, um den ärgsten Kratern auszuweichen. Es gibt einen bösen Spruch, nachdem ist ein russischer Autofahrer betrunken, wenn er schnurgerade aus fährt! Gefahren wird immer was das Zeug hält. Bis es dann mal nicht mehr reicht und einer unten an der Böschung landet, Lastwagen, Bus oder Pkw. Zum Glück ist wenig Verkehr, so dass die meisten ohne Crash aneinander vorbeikommen. Die Polizei versucht mit allen Mitteln die Raser zu bremsen. Mit Radarpistolen, vielen Kontrollen aber auch mit total verbeulten Autofracks, die man auf einen 2m hohen Sockel montiert hat, zur Abschreckung aller Nachahmer. Unfallopfern die nicht mit dem Leben davon kamen, stellt man an der Unfallstelle eine Art Grabstein auf mit Portrait und einem Autoteil des Unfallwagens, z.B. dem Steuerrad, auch wenn es ganz verbogen ist. Viele dieser kleinen Monumente säumen den Strassenrand.

Am 20. April überquerten wir die Wolga und erreichten Kazan, dort steht Grosse Moschee, und wir langsam realisieren, dass Asien näher kommt. 3 Tage später fahren wir durch den Ural, dieses Mittelgebirge (mit einer max. Höhe von 1900 m und einer Länge von 2000 Km) ähnelt dem Schwarzwald, nur ist der Ural viel dünner besiedelt.

In Celjabinsk haben wir die Adresse von Seva, bei dem wir ein Buch von Bruno Blum abgeben sollen. Noch bevor wir dort sind rufen uns Freunde von ihm an, die durch Ivan von uns erfahren haben. Nachdem die ersten Sprachhindernisse überwunden sind, haben wir einen Treffpunkt in Miass, wo sie wohnen. Dort erwartet uns später eine ganze Familie, als wären wir alte Bekannte. Wir sind beeindruckt von so viel spontanem Vertrauen in Wildfremde. Von ihnen können wir wirklich noch was lernen. Die älteste Tochter Ewgenia ist mit ihrem Studium fertig und kann sehr gut deutsch. Mit dieser guten Dolmetscherin können wir uns nun über alles unterhalten. Die Familie war grad auf dem Weg zur Grossmutter und in die Kirche. So erlebten wir einen kleinen Teil eines russisch orthodoxen Ostergottesdienstes und zur Oma waren wir selbstverständlich auch miteingeladen. Sie wohnte im dritten Stock einer sogenannten „Chrustschovka“. Chrustschov hatte es sich damals zum Ziel gesetzt, dass alle Russen ein solides Dach über dem Kopf haben sollten. So entstanden viele Wohnblöcke, alle nach dem gleichen Muster gebaut. Die Wohnungen wirken zwar etwas trist, aber Hut ab, er hat damals sein Ziel erreicht, was für viele ein gewaltiger Fortschritt des Lebensstandards bedeutete. Der Kommunismus hatte auch seine sehr menschlichen, positiven Seiten. Bei der Babuschka erlebten wir ein Familientreff zu Ostern ganz ähnlich, wie er auch bei uns daheim stattfindet. Nur dass wir der Mittelpunkt waren, viele Fragen beantworteten und eine selbstgemachte Delikatesse nach der anderen probierten, bis wir wirklich nichts mehr essen konnten. Danach brachte uns Volodja (der Vater) zu Ihrem Wochenendhaus im Wald an einem See, der noch dick zugefroren war. Er hatte schon dem Wachmann der Wochenendsiedlung telefoniert, dass er die Banja heizen soll. So sassen wir bald in einem kleinen Blockhaus im heissen Dampf und erlebten eine russische Banja. Ist ganz ähnlich der finnischen Sauna. Volodja ging sogar im See in ein Eisloch zum Abkühlen. Uns reichte die kalte Dusche völlig. Das ganze Gelände gehörte der Firma, für die Volodja arbeitete. Die Mitarbeiter haben dort kleine Hütten oder je nachdem auch grosse Blockhäuser, alles ist eingezäunt und ständig bewacht. Ein wirklich sicherer Campingplatz für uns allein direkt am See. Leider war es immer noch etwas zu kalt. Die Russen lassen sich davon aber nicht von einem Picknick abhalten. Ich glaube sie picknicken auch noch im Schnee. Am anderen Tag kam die Familie mit Samowar und Taschen voller Esswaren. Es gab ein Essen im Freien, bis es uns dann gegen 12 nachts doch zu kalt wurde und das Palaver im Auto weiterging. Dank Übersetzung gab es viel zu fragen und zu erzählen. Am kommenden Tag begleitete uns Ewgenia nach Celjabinsk, dort übergaben wir Seva Smirnoff das Buch von Bruno. Seva wohnte auch in einer Chrustchovka, ein Zimmer mit Küche und Bad. Auch er bewirtete uns gleich mit einem Essen. Es gab Pelmeni (eine Art Ravioli). Dann war zu unserem Schrecken eine „Pressekonferenz“ angesagt. Seva arbeitet als Journalist führ die Firmenzeitung der Grossen Fabrik die in Celjabinsk früher Panzer und nun Raupenfahrzeuge herstellt. Ausserdem ist er im Vorstand eines Motorrad und Oldtimerclubs. Er hatte einen ganzen Tisch voller Leute eingeladen, die uns Fragen stellten und den Fotograf der Firma auch gleich. Natürlich machte auch er ein Interview mit uns. Alles dauerte ewig und war bald einmal anstrengend. Schon in Miass war eine Abordnung von Volodjas Firma erschienen, die ein Interview machten und uns in den T-Shirts und Baseballmützen mit dem Logo ihres Geschäfts für ihre Zeitung fotografierte. Als Seva dann am anderen Tag noch das Lokalfernsehen bestellen wollte, lehnten wir dankend ab, denn vorerst hatten wir genug von der Publicity. Bei Schneeregen verliessen wir Celjabinsk (nicht ohne Erinnerungsphoto mit Panzer vor der Firma).

Später fanden wir einen schönen Campingplatz auf einer Waldlichtung und genossen die Ruhe. Selbst Royan war begeistert, denn überall roch es nach Schneehasen, die allerdings zum Glück schneller waren als er. Am nächsten Tag sahen wir Birkhühner eine Schneeeule und einen Uhu. Auf den grossen Feldern gab es verschiedene Stelzvögel und grosse Kraniche. Am Waldrand liefen einmal 3 Hirsche davon, die wir auf der Suche nach einem Stellplatz aufgescheucht hatten. Schöne Plätze zum Campieren gab es haufenweise. Leider war der Boden vom Tauwetter aber so weich, dass wir meistens nicht hinfahren konnten. Einmal waren wir nicht vorsichtig genug und prompt steckten wir im Dreck. Da es schon dämmerte beschlossen wir einfach stehen zu bleiben und am nächsten Morgen zu schauen, wie wir wieder rauskämen. Und siehe da, manche Probleme lösen sich am besten, wenn man einfach nichts tut. Am anderen Morgen mussten wir uns bei etwa 4 Grad im Auto zwar überwinden um das warme Bett zu verlassen, aber schliesslich fahren wir ja seit dem Ural durch Sibirien, also kein Wunder dass es kalt ist. Der Boden war gefroren und wir konnten problemlos wegfahren. Die Strasse Richtung Omsk ist gesäumt von lichten Birkenwäldern oder Graslandschaft mit verstreuten Baumgruppen. Manchmal sieht es aus wie in einem grossen Park oder Golfplatz. In den kleinen Dörfern hatte es überall Dorfbrunnen, dort können wir unseren Wassertank jeweils auffüllen, auch Brot und etwas Gemüse gab es in den Dorfläden. Auf der alten M51 war wenig Verkehr, seit ein neues Stück weiter südlich fertig war. Die Gegend wurde so einsam, dass wir schon glaubten ein Wolf käme da über die Wiesen getrabt. Als er vor uns die Strasse überquerte sahen wir, dass es ein Husky artiger grosser grauer Hund war. Nach Omsk fuhren wir wieder auf der neuen M51, die alte war endgültig gesperrt. Aber auch auf der sogenannten neuen hatte es schlechte Stücke dabei. Zu unserem Erstaunen überquerte ein Elch die Fahrbahn, Elchspuren hatten wir öfter gesehen, allerdings nie einen in Natura. Kurz vor Novosibirsk wurde es wärmer, regnete aber ständig. Novosibirsk ist eine sehr saubere ordentliche Stadt. Sogar das Postamt funktionierte ohne längere Wartezeiten, entschieden besser und freundlicher als damals in Moskau. Wir staunten über aufgestellte Abfallkübel und Rampen für Rollstuhlfahrer. Die Stadt wirkte westlicher, als alle anderen russischen Städte die wir bis jetzt gesehen hatten. Das nasskalte Regenwetter war für eine Stadtbesichtigung weniger einladend, so fuhren wir ohne längeren Aufenthalt weiter. Als wir am nächsten Tag Tomsk erreichten, schneite es. Die dicken Schneeflocken, die schön verzierte Holzkirche und die vielen alten Blockhäuser, dazwischen die warm eingepackten Menschen teils mit Pelzmützen waren ein Bild, das mich unwillkürlich an Dr. Schiwago denken liess. Hie und da werden Klischees eben doch lebendig. Etwas weniger romantisch waren die Löcher in der Strasse, wo die Schachtdeckel fehlten. Ausserhalb der Stadt wurde die Strasse viel besser und das Wetter schöner, im Wald lag noch tiefer Schnee. So bekam Walter zum Geburtstag ein Trockenblumenstrauss, denn der Frühling hatte noch nicht bis hierher gefunden.  

Die erste Maiwoche war vorbei, als wir in Krasnojarsk ankommen. Die Polizei nimmt es hier bei einer Kontrolle ganz genau und will unsere Petersburger Registration nicht anerkennen. Wir haben allerdings wenig Lust auf weitere „Ovirbüro“ Erfahrungen und beharren darauf, dass wir uns nicht länger als 3 Tage in ihrem Distrikt aufhalten und darum auch keine neue Registration brauchen. Nach einer Stunde wurde es ihnen endlich zu mühsam mit uns, sie liessen uns weiterfahren. Nach dieser Episode wollten wir nicht lange bleiben und beschlossen nur bis zu einem Aussichtspunkt am Jenissej ausserhalb der Stadt zu fahren. Der grosse Strom mit den Steilufern umgeben von Wäldern bietet einen wunderschönen Anblick. Früher war er die Heimat vieler Störe, die inzwischen leider selten geworden sind. Nachts gefriert es im Bus noch. Das hat zwar auch Vorteile, denn so kann ich am Morgen meist einen schönen Spaziergang mit Royan machen, ohne im Morast oder im weichen hohen Schnee stecken zu bleiben. Ein Paar Wanderschuhe sind regelmässig zum Trocknen aufgestellt. Hier ist Aprilwetter, nur dass es jedes Mal schneit statt regnet. Die Strasse führt durch viele kleine sibirische Dörfer. Fast überall hat es einstöckige Blockhäuser mit Blechdach und zwei Räumen. Im Hof laufen Hühner, Enten oder eine Kuh herum. Oft liegt ausserdem ein riesiger Berg gespaltenes Holz vor der Tür und hinten im Garten sitzt ein Heuhaufen. Überall gibt es Hunde. Bisher waren alle die ich gesehen habe in einem sehr guten Zustand, selbst die vielen Streuner in den Städten. Die Leute hier scheinen ein Herz für Tiere zu haben, mindestens für Hunde, Katzen und Vögel, denn überall sind Nistkästen aufgehängt. Hinter den Fensterscheiben stehen so viele Blumentöpfe, dass man keine Gardinen mehr sieht. Meist Tomatensetzlinge die darauf warten einen Platz im Garten zu bekommen. Weiter im Westen hatte jedes Haus seinen eigenen Ziehbrunnen mit Kurbel und Eimer. Hier ist dieser Luxus eine Seltenheit. Es gibt einen Dorfbrunnen, wo alle mit grossen Milchkannen und einem kleinen Wägelchen ihr Wasser holen. Als wir kürzlich an so einem Brunnen unseren Wasservorrat auffüllten, hatte ich es erheblich einfacher, denn Walter konnte genau davor anhalten. Der Schacht war innen vereist, und es dauerte eine Weile bis ich den baumelnden Eimer hochziehen konnte, ohne die Hälfte wieder auszuschütten. Gut konnten wir mit dem Auto überhaupt hinfahren, denn zurzeit sind alle Erdstrassen so aufgeweicht, dass man selbst zu Fuss Mühe hat vorwärts zu kommen (die wenigsten Dorfstrassen sind asphaltiert). Man sieht sehr wenige Autos, viele Leute gehen zu Fuss, mit Pferdewagen oder mit einem Motorrad mit Beiwagen. Auf der M53 der Hauptstrasse Richtung Ost/West sieht es ganz anders aus. Es hat viele Lastwagen, vom Oldtimer bis zum supermodernen Sattelschlepper, rechtsgesteuerte relativ neue Autos aus Japan rasen über die wellige, löchrige Fahrbahn was das Zeug hält. Man bekommt wirklich den Eindruck von „time is money“. Kein Wunder dass so viele Gedenksteine für tödlich Verunfallte den Strassenrand säumen. Das ist ein Beispiel der vielen extremen Gegensätze in Russland. Seit dem Ural hat sich die Landschaft nur wenig verändert. Lichte Birkenwälder wechseln sich ab mit riesigen Feldern oder Weiden. Auf der schwarzen Erde wächst fast ausschliesslich Getreide. Raupenfahrzeuge pflügen in Staffeln und wirken auf den endlosen Feldern doch wie Spielzeuge. Viele der früheren staatlichen Landwirtschaftsbetriebe funktionieren nicht mehr. Der veraltete Maschinenpark hinter den Ställen rostet vor sich hin, und das Ganze gleicht eher einem Schrottplatz. Früher muss hier sehr viel Vieh gehalten worden sein, denn oft stehen 10 bis 20 verfallene Ställe in Reihen, von denen jeder mindestens 40 Kühen Platz gäbe. Es gibt keine Weidezäune, die Viehherden laufen frei, immer von einem Hirt mit Pferd beaufsichtigt. Wir haben kürzlich eine Herde von etwa 200 Tieren auf die Weide ziehen sehen, es sah aus wie in einem Westernfilm nur ohne viele Cowboys. Was sie allerdings gefressen haben ist mir nicht so klar, denn alles Gras ist vom Winter noch braun. Es hat auch Pferdeherden, die sind allein unterwegs, die Stuten bereits mit Fohlen, sie müssen sehr robust sein den es bläst ein eiskalter Wind, die Mütter sind mager und geben wahrscheinlich nicht viel Milch.

Heute haben wir zum ersten Mal andere Reisende im Auto kennen gelernt. Ein russisches Paar aus Novosibirsk, unterwegs mit einem Jeep der aussieht, wie wenn er an der Cameltrophy teilnehmen würde. Sie fahren in die Mongolei, wo sie ihre Offroadfreunde treffen um eine gemeinsame Tour durch die Mongolei zu machen. Letztes Jahr fuhren sie mit anderen Jeeps nach Magadan (an der nördlichen Pazifikküste) und zeigten uns Bilder davon. Nun ist endgültig klar, dass die Strecke ohne Allrad nicht zu machen ist. Die Wege in der Mongolei scheinen ihren Berichten zufolge jedoch besser als erwartet zu sein. Ein Lichtblick nachdem wir nun schon solange auf wärmeres trockeneres Wetter hoffen. So wie sie sagten sind die Temperaturen in dieser Jahreszeit normalerweise um 10 Grad wärmer. Der Schneehase den wir heute fotografierten hat bereits braungesprenkeltes Fell. Ausser allen möglichen Vögeln sieht man wenig wilde Tiere, der Elch der vor ein paar Tagen vor uns die Strasse überquerte war wohl eher ein Glücksfall, meist bekomme ich auf Spaziergängen nur Spuren zu sehen. Royan fängt ab und zu eine der vielen Mäuse und tötet sie sogar sofort, ohne das schlimme Katz und Maus Spiel von früher.

Die Leute hier fragen uns immer wieder ob er ein Laika wäre. Tatsächlich sehen ihm viele Hunde hier ziemlich ähnlich. Bisher hat es noch nie Probleme gegeben, egal ob mit Rüden oder mit Hündinnen, entweder sie verstanden sich oder jeder ging nach einigem Brummen seines Weges. Erstaunlicherweise haben trotzdem fast alle Leute grossen Respekt und Fragen immer zuerst ob Royan nicht beisst. Bisher hat es für uns fast nur Vorteile, dass wir ihn dabeihaben, so merkt man nicht, dass wir Touristen sind, denn hier haben so gut wie alle Leute Hunde, und nie hat sie jemand an der Leine.

Nach einer weiteren Woche Fahrt, sind wir am 14. Mai am Baikalsee angekommen und haben gestaunt, dass er keine geschlossene Eisdecke mehr hatte, wie so viele kleinere Seen zuvor. Es wehte uns zwar ein kühler Wind entgegen aber die Sonne scheint und der Frühling liegt in der Luft. Wir fanden einen wunderschönen Standplatz auf einer Waldlichtung direkt am See, die einzigen Gesellschafter waren Pferde mit Fohlen und Kühe die täglich zum Weiden kamen. Touristen hat es um diese Zeit noch keine, nur am Wochenende kamen einige russische Familien zum Grillieren. Als es Zeit zum Essen war, brachten sie uns spontan einen Fisch und Salat zum Probieren. Bis jetzt haben wir von den „bösen Russen“ wirklich noch nichts zu spüren bekommen, Ein anderes Mal sah uns ein Einheimischer, der in der Nähe in einem armseligen Holzhäuschen wohnte an einem kleinen See campieren, er redete mit uns fragte nach dem woher und wohin. Es ging nicht lange, dann kam er mit einem Sträusschen Blumen für mich und wollte uns zu sich einladen. Wir lehnten dankend ab, weil wir ein kleines aber reissendes Flüsschen hätten durchfahren müssen, und nicht schon wieder stecken bleiben wollten.

(Ein paar Tage vorher musste uns ein Lastwagen aus dem Dreck ziehen, nach dem wir den weichen Untergrund falsch eingeschätzt hatten. Der Lastwagenfahrer hatte spontan angehalten, um uns zu helfen, als er uns mit dem Greifzug hantieren sah.)

Nach dem wir also nicht zu überreden waren auf die andere Bachseite zu kommen, ging der Mann etwas enttäuscht nach Hause. Eine Stunde später, als ich mit Royan vom Spazieren zurückkam, hing ein frischgefangener 40cm langer Hecht an unserer Autotür. Er hatte anscheinend Walter nicht wecken wollen, der ein Nickerchen machte und erst erwachte als er bereits wegging. Viele sind anfangs etwas skeptisch oder distanziert, dafür anschliessend aber umso freundlicher und hilfsbereiter. Selbst die Polizisten sind nun im Osten etwas zahmer geworden, kontrollieren weniger streng und wünschen eine gute Fahrt. Unser Russisch hat sich zwar um einige wenige Worte erweitert, aber leider ist es viel zu wenig, um sich mit den Leuten zu unterhalten.

Eine Woche lang haben wir an dem schönen Standplatz am Baikalsee campiert, haben sogar das Boot aufgepumpt und uns damit zwischen die Eisschollen gewagt in der Hoffnung einen Fisch zu fangen, was allerdings nicht geklappt hat. Das Bootfahren war zwischen dem klimpernden Eis interessant. Nun sind wir im Tunkatal am Südende des Sees. Es ist etwa 200 km lang und führt direkt an die mongolische Grenze. Die Landschaft erinnert ein bisschen an die Schweizer Berge. In den kleinen Dörfern gibt es praktisch nur Blockhäuser, kein Telefon und oft kein fliessendes Wasser. Auf dem Talgrund weiden Pferde, Schafe und Kühe. Hier sind die Felder eingezäunt und die Tiere weiden auf dem Rest des Geländes. Ab und zu benutzen sie auf dem Heimweg auch die Strasse, was aber bei den wenigen Fahrzeugen kein Problem ist. Es gibt viele schöne Plätze zum Campieren am Fluss. Mittlerweile werden die ersten Birken grün. Auf den Wiesen wachsen Küchenschellen, als hätte sie jemand gesät, in blau, weiss und gelb. Im Wald blühen Sträucher die aussehen wie Alpenrosen nur sind sie höher. Beim Spazieren mit Royan habe ich schon so viele verschiedene Pflänzchen gesehen, dass ich jetzt schon gespannt bin was da noch alles blühen wird.

Wieder sind drei Wochen wie im Flug vergangen, manchmal wundert es mich, wie viel es immer zu machen gibt, obwohl wir doch „nur“ reisen. Mit dem Frühling sind hier leider auch die eher lästigen Plagegeister wie Zecken und Stechmücken immer häufiger geworden. Royans Halsband wirkt sehr gut, nur zwei Zecken musste ich ihm wegmachen. Bei mir habe ich schon um die 10 Stück gefunden, darunter auch 3 der grossen Steppenzecken, zum Glück hatte sich nur eine der normalen festgebissen. Obwohl ich geimpft bin, liessen wir sie in Irkutsk sicherheitshalber untersuchen (hatte keine Viren) und ich schluckte 5 Tage lang Antibiotika wegen möglicher Borrelien. Vielleicht sollte ich Royans Ersatzhalsband ausprobieren, immerhin haben wir nun ein Antizeckenspray. Auf der Westseite des Baikalsees waren wir auf der Insel Olchon, ein Teil davon ist Steppenlandschaft, der andere bewaldet. Laut Reiseführer soll hier eines der 5 grossen „Energiezentren“ der Erde sein. Die Burjaten sind zwar Buddhisten, aber auch noch sehr mit der älteren Schamanenreligion verwurzelt. An vielen Stellen trifft man auf heilige Orte, wo Stoffbänder aufgehängt werden und Opfergaben liegen, meist in Form von Münzen, manchmal ganze Haufen, die jedoch niemand anrühren würde. Selbst aus der Steinzeit hat man Kultstätten und viele Felszeichnungen gefunden. Man kann sehr gut wandern gehen, der Boden ist so fest, dass auch Walter vorwärts kommt. Es wächst neben allerlei Steingartenblumen viel wilder Thymian, der so intensiv riecht, dass unsere Duschkabine im Auto, wo Walters Rollstuhl deponiert ist, wie ein Thymianfeld duftete, weil noch ein paar zerdrückte Blättchen an den Rädern klebten. Royan rennt wie aufgezogen hin und her, weil es überall Ziesel Höhlen hat, und die Aufpasser der kleinen flinken Nager oft Männchen machend vor ihrer Haustür stehen und laut über die Störenfriede protestieren, bis sie dann kurz vor seiner Nase blitzschnell verschwinden. Ausgraben kann er sie nicht, obwohl er es immer wieder versucht. Das vor allem seitdem er kürzlich ein ganz freches und wohl sehr unvorsichtiges erwischt hat. Ich bin derweil auf der Jagd nach Fotomotiven, die es hier in Hülle und Fülle gibt. Für Walters Geschmack ein bisschen zu viele Blumen und Schneeberge darunter! Entlang der Westküste des Sees wollten wir weiter nach Norden fahren. Leider spielte des Wetter nicht so mit, es regnete viel und die Flüsse hatten Hochwasser, so dass wir mit unserem Auto nicht mehr durchfahren konnten. Die sogenannte Bärenküste ist also ausgefallen und wir haben noch immer keinen gesehen. Mittlerweile habe ich zwei Mal Brot in der doppelten Teflonpfanne die wir mitgenommen haben gebacken, Nach 50 min immer wieder umdrehen wie bei einem Pfannkuchen war es fertig. Leider braucht es ziemlich viel Gas, aber wenn es in einsamen Gegenden keine Läden gibt, können wir uns wenigstens selbst versorgen. Vor ein paar Tagen haben wir die leere Gasflasche auffüllen lassen. Schon öfter staunten wir über manche russischen Autofahrer, die ihre Autos mit Gas auftankten. Nachdem sie an der Gasflaschenwechselstelle unsere fremden Flaschen nicht füllen konnten, ging der Angestellte kurzerhand mit mir zur benachbarten Gastankstelle. Dort wurde schnell eine Art Gummiverbindungsstück dazwischen gehängt, und dann 12 Liter hineingedrückt. Mir war nicht so ganz geheuer dabei, denn es stank ziemlich stark nach Gas. Immerhin die Flasche war wieder voll. Beim dritten und letzten Aufenthalt in Irkutsk, mussten wir wieder einen Reifen flicken lassen. Das dauert zwar meistens eine gute Stunde, ist aber immer noch viel bequemer, als selber machen. Auf der Fahrt auf die Ostseite des Sees campierten wir am Ufer eines Gebirgsflusses etwa 5km von der Strasse entfernt. Auf keinen Fall hätten wir erwartet ausgerechnet dort auf die ersten ausländischen Touristen hier in Russland zu stossen. Zwei Australier aus Melbourne, Douglas und Maureen, die mit der BAM (Baikal – Amur Eisenbahnlinie )bereits einen Monat durch Nordostsibirien reisten. Anscheinend waren wir auch die einzigen Ausländer die sie bisher getroffen hatten. Mit einem russischen Führer und einer Reisegruppe hatten sie hier in den Bergen eine Mountainbike Tour gemacht und in der kleinen Herberge in der Nähe übernachtet. Auf der Weiterfahrt nach Norden der Ostküste entlang, wurde die Strasse und das Wetter gleichmässig schlechter. Es war kalt, die wolkenverhangenen Berge hatten auf etwa 1000m wieder eine Schneekappe, und auf der holprigen Schotterstrasse die eigentlich die einzige Asphaltstrasse ins Bargusin Tal sein sollte, reihte sich Pfütze an Pfütze. Zwei Mal setzten wir auf einer Fähre über den Fluss, weil es keine Holzbrücken mehr hatte. Nach 3 Tagen hatten wir Glück und wurden bei strahlendem Sommerwetter und einer wunderschönen Berglandschaft für die Mühen belohnt. Zweimal mussten wir ein Flüsschen durchfahren weil die Brücke kaputt war bzw. es gar keine gab, aber es ging problemlos ohne steckenzubleiben. Ein weiteres Mal, als die Strasse plötzlich von einem Bach weggespült war, fanden wir einen Umweg und mussten so nicht umkehren. Die Polizisten hatten uns zweimal am Wickel, weil angeblich unsere Registration fehlte. Das eine Mal ging glimpflich vorbei, weil sich eine englischsprechende Dolmetscherin fand und wir eine glaubhafte Story liefern konnten. Das andere Mal als sie ziemlich giftig wurden, half Walters Rollstuhl und sie liessen uns weiterfahren, ohne dass wir etwas bezahlen mussten. Ins Bargusin Tal wurden schon zur Zeit der Zaren unerwünschte Mitbürger verbannt, und auch heute noch leben die Menschen dort mit sehr wenig. Es gibt nur stundenweise Strom, kein fliessendes Wasser und selbst vom ortseigenen Brunnenhäuschen der Hauptstadt des Bezirks, nur zu bestimmten Zeiten Wasser (vermutlich weil die Pumpe nur dann Strom hat). Trotzdem machen die Leute meist einen zufriedenen, fröhlichen Eindruck. Ziegen, Kühe, Hühner und Hunde teilen sich mit Menschen zu Fuss auf Motorrädern oder in Autos die Erdstrassen und alle kommen problemlos aneinander vorbei (wenn da die Strassenkontrollposten der Polizei nicht wären, die selbst die Einheimischen nerven). Nun sind wir gespannt auf Ulan Ude und die Fahrt Richtung Mongolei.

Ulan Ude ist eine sehr saubere, angenehme Stadt, zu unserer Überraschung gibt es meist sogar Rampen bei Restaurants, zu öffentlichen Gebäuden und bei vielen Trottoirs. In einem Freilichtmuseum, ähnlich dem Ballenberg, kann man sich alte, sibirische Blockhäuser oder Yurten einschliesslich Inventar von innen ansehen. Allerdings leben die Leute hier auf dem Land oft noch genauso, wie es in dem Museum gezeigt wird. Ausserhalb der Stadt gibt es ein buddhistisches Kloster, das gleichzeitig ein Zentrum für tibetische Medizin und eine Lehranstalt für zukünftige Lamas ist. Die Tempel und Gebetshäuser werden nach und nach renoviert bzw. wieder aufgebaut. In der Zeit des Stalinismus wurden in Russland und in dessen Vasallenstaaten fast alle Kirchen und Tempel zerstört, die Mönche verhaftet und deportiert oder umgebracht. In der Mongolei wurde eine zehn Meter hohe Buddha Statue demontiert und eingeschmolzen. Vieles vom Inventar der Klöster und Tempel wurde von den Menschen versteckt und heimlich aufbewahrt. Seit der Wende wird nun gespendet, damit wenigstens einige der Gotteshäuser wieder funktionieren können. Der Zufall wollte es, dass gerade eine Gruppe Touristen aus Deutschland von einer sehr gut deutschsprechenden Burijatin durch das Kloster geführt wurde. So haben wir ebenfalls einiges über den Buddhismus gelernt. Wie sie erzählte, hat sich in dem Kloster vor kurzer Zeit etwas sehr merkwürdiges ereignet. Ein ehemaliger hoher Lama sah vor 70 Jahren seinen nahenden Tod voraus. Er informierte die anderen Klostermitglieder und bat sie darum, dass man sein Grab nach 70 Jahren wieder öffnen solle. Diese Zeit war also letztes Jahr verstrichen, sie öffneten die Gruft und waren sehr erstaunt, dass der alte Mann noch genauso aussah, wie zu der Zeit da er gestorben war. Das einzige was nicht erhalten war, waren die Augen. Ärzte haben ihn untersucht und können sich das Phänomen nicht erklären. Nun ist er in der oberen Etage des Tempels untergebracht, und an bestimmten Tagen ist es erlaubt ihn zu sehen, was natürlich einen Pilgerstrom von Gläubigen ins Kloster zieht. Wir hatten unsere Freude an dem schönen neuen Tempel, der zu seinen Ehren gerade errichtet wird. In der Gegend um Ulan Ude macht sich der asiatische Einfluss immer mehr bemerkbar. So waren wir schon gut auf die Mongolei eingestimmt, als wir am 23. Juni bei Kiachta an der mongolischen Grenze ankamen.

 


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